#ausnahmslos

Die Ereignisse von Köln in der Silvesternacht haben einen ‚Aufschrei‘ in Deutschland ausgelöst. Als es den #Aufschrei vor drei Jahren gab, waren die Reaktionen auf das Anprangern von sexualisierter Gewalt oft sehr kritisch, es ging schließlich auch um einen mächtigen, weißen, deutschen Mann. Doch nun, wenn es sich um vermeintlich Nicht-Deutsche Täter handelt, wird sexualisierte Gewalt plötzlich verurteilt. Dies ist an sich sehr positiv und mehr als überfällig, allerdings geht es in der aktuellen Debatte nun vor allem darum, zu zeigen, warum zu viele Geflüchtete in Deutschland und diese nicht integrierbar seien – dies scheint die eigentliche Ursache für den Aufschrei zu sein, dem mit den Ereignissen von Köln Material geliefert wurde. Der Diskurs wird weit rechts geführt, ist rassistisch aufgeladen und journalistische Medienstandards wurden fallengelassen (Artikel in der taz zur Berichterstattung danach). Um die Betroffenen (Schilderung und Kommentar einer von sexualisierter Gewalt Betroffenen zu den aktuellen Vorfällen in der Freien Presse) und das Problem der sexualisierten Gewalt (welche für die Hälfte der Bevölkerung in Deutschland Alltag ist) geht es mal wieder nur in bestimmten Medien und Kreisen (z.B. spannender Kommentar von kleinerdrei, postkoloniale Analyse im fluter). Auch die Linke hat sich lange schwer getan mit einer Reaktion (Artikel in der jungle world dazu). Um diese Leerstelle zu schließen und die Probleme der Ereignisse in Köln und der sich anschließenden Debatte auzuzeigen, gibt es zum Glück #ausnahmslos, ein zweisprachiges Manifest „Gegen sexualisierte Gewalt und Rassismus. Immer. Überall.“  von 22 progressiven Feministinnen, welches unterzeichnet werden kann. Denn: „Sexismus und sexuelle Gewalt gibt es in #ausnahmslos allen Kulturen, es ist kein importiertes Problem, Schluss mit den rassistischen Vorurteilen.“ (Artikel vom Freitag)

Die Diskussion nach der Silvesternacht von Köln ist vor allem deshalb so schwierig, weil wir entscheiden müssen, worüber wir reden: über uns oder über die Fremden?“ Denn Deutschland ist „wieder das Land der Pogrome und des Hasses. Die Täter: Deutsche.“ Der Artikel vom Freitag macht aufmerksam auf das, was eigentlich mehr thematisiert werden sollte: die Gewalt gegenüber Geflüchteten und Nicht-Rechten, die sich auch nach Köln noch einmal gesteigert hat. Aufrufe zu Bürgerwehren „um deutsche Frauen zu schützen“ werden lauter, dagegen wehrt sich u.a. die Initiative „Niemand braucht euch“.

Die Ereignisse von Köln müssen aus vielen Perspektiven beleuchtet werden, die Betroffenen dürfen nicht vergessen oder ihre Erlebnisse verharmlost werden. Denn sexualisierte Gewalt ist ein Problem in Deutschland – nicht erst seit mehr Menschen hierher kommen und nicht nur für deutsche Frauen: auch geflüchtete Frauen sind davon betroffen (Bericht von Amnesty International, taz-Artikel). Die Konsequenz sollte allerdings nicht sein, alle Ankommenden und als Nicht-Deutsch erscheinenden Menschen unter Generalverdacht zu stellen, sondern z.B. die Lager abzuschaffen, die Gewalt begünstigen, und geflüchteten Frauen die gleichen Rechte zuzugestehen wie deutschen Frauen (die im Bereich der sexualisierten Gewalt absolut nicht ausreichend sind), wie Elisabeth Ngari von Women in Exile dies fordert.

Der Diskurs sollte die Betroffenen in den Mittelpunkt stellen, gesetzliche Verbesserungen im Bereich der sexualisierten Gewalt fordern und nicht rassistischen Anhetzern das Wort überlassen.